FDGB-Pokalsieger der Herzen
Es hat sich nicht viel verändert: 1980 schoss Geld auch schon Tore. Warum der FC Rot-Weiß Erfurt gegen die Anderen damals im Pokalfinale verlor und was das mit Gewerkschaftsgeldern zu tun hatte.
Am 17. Mai 1980 trafen im Finale um den FDGB-Pokal die beiden Thüringer Fußballclubs aufeinander. Mehr als 45.000 Zuschauer waren in das Berliner Stadion der Weltjugend gekommen und die Mehrzahl von ihnen drückten dem Außenseiter Erfurt die Daumen. Für die Kernbergler war die erneute Finalteilnahme beinahe schon Routine, schon fünfmal hatten sie das geschafft. Für die Erfurter dagegen war es erst das zweite Mal, allerdings hatten sie bei der ersten Teilnahme und unter dem damaligen Namen BSG KWU Erfurt das Endspiel mit 0:4 gegen die BSG EHW Thale verloren. Mit einem einzigen Sieg in diesem Pokalfinale wäre die lang ersehnte Teilnahme an einem Europacupwettbewerb endlich erreicht worden, doch es sollte anders kommen.
Das Spiel gestaltete sich in der ersten Halbzeit zwar ausgeglichen, aber äußerst zäh. Konsequente Manndeckung war im damaligen DDR-Fußball leider immer noch aktuell und so gab es Spielerpaare, die sich über das ganze Spielfeld gegenseitig verfolgten. Es war ein stupides Hinterherlaufen, fantasielos, es passierte lange Zeit nichts, dem Außenseiter Rot-Weiß sollte es recht sein. Und als dann auch noch die Führung durch Armin Romstedt in der 40. Minute gelang und es damit in die Pause ging, war der Pokal zum Greifen nahe.
Erst neun Minuten vor Schluss gelang dem Favoriten der Ausgleich, nun kippte das Spiel. Die Erfurter schafften es dennoch bis in die Verlängerung, konnten dann aber nach dem schnellen 1:2 und 1:3 nichts mehr zusetzen. Der Favorit hatte sich durchgesetzt, das Normale war eingetroffen. Nicht einmal die Erfurter Spieler waren, so jedenfalls in der DDR-Sportpresse zu lesen, besonders deprimiert. So sagte Dieter Göpel nach dem Spiel:
„Enttäuscht? Nein, ein wenig geknickt schon.“
Und noch etwas war normal in diesen Zeiten: der allmächtige Generaldirektor des Kombinats VEB Carl Zeiss, Wolfgang Biermann, und sein übergroßer Einfluss auf „seinen“ Fußballclub. Von den Mitteln der Gewerkschaft abgezweigt nahm das Kombinat Jahr für Jahr viel Geld in die Hand, um die Fußballer und Funktionäre mit Prämienzahlungen zu besonderen Leistungen zu motivieren. Das war in der DDR zwar verboten, aber üblich.
Je nach Lust und Laune des Zeiss-Generaldirektors Biermann wurden diese Prämien während wichtiger und umkämpfter Spiele oftmals erheblich nach oben geschraubt, so zum Beispiel auch bei diesem Finale um den FDGB-Pokal im Mai 1980. Der Generaldirektor, der auf der Tribüne während des Spieles saß, schickte während des lange Zeit umkämpften und unentschieden stehenden Spiels zweimal seinen früheren Sportbeauftragten und zum damaligen Zeitpunkt als Clubvorsitzender agierenden Ernst Schmidt zum Cheftrainer Hans Meyer und ließ ihm die jeweilige Verdopplung der Siegprämie mitteilen. Aus den 1.000,- Mark für jeden Spieler waren so im Laufe des Spiels 4.000,- Mark geworden. Für den Trainer war das eine Einmischung in seine Arbeit, dem einen oder anderen Spieler machte das scheinbar schnellere Beine.
Und warum machten das die Erfurter nicht genauso? Unter dem damaligen Clubvorsitzenden Werner Günther war das alles mehrere Nummern kleiner. Als Siegprämie sollte jeder Spieler eine Uhr erhalten und 10.000 Mark, allerdings für die gesamte Mannschaft! Im Vergleich zur Prämie für die Jenaer Spieler, die natürlich während des Spiels mit den Erfurtern darüber sprachen, war dies nur ein Bruchteil, die Enttäuschung entsprechend. Geld schießt eben doch Tore.
Text: Dr. Michael Kummer
erschienen auch im 1966er, dem Magazin über den FC Rot-Weiß Erfurt, Weiße Ausgabe 2025, hrsg. vom Fanrat Rot-Weiß Erfurt e.V.
Fotos:
- Bild 1: Eintrittskarte Ehrentribüne zum FDGB-Pokalfinale 1980 FC Rot-Weiß Erfurt – FC Carl Zeiss Jena
- Bild 2: Die Erfurter Kurve beim Pokalfinale FC Rot-Weiß Erfurt gegen FC Carl Zeiss Jena 1980 - Archiv: Olaf Schwertner
- Bild 3: Der Erfurter Mannschaftskapitätn Dieter Göpel im Luftzweikampf mit dem Jenaer Jürgen Raab - Archiv: Kurt Gaida
- Bild 4: Die Erfurter Bank v.r.n.l. Co-Trainer Günter Hoffmann, Trainer Manfred Pfeiffer, Physio Dieter Ehlert, Arzt Dr. Dieter Schuh, Manschaftsleiter Kurt Brendel - Archiv: Olaf Schwertner



